USA · Little Italy, New York · 7. Oktober 2026 · Unsere Erfahrung
Lombardi’s — von Auswanderer zu Auswanderer
Eine traditionsreiche Pizzeria, eine italienische Geschichte, die 1905 begann.

Als Sefora und ich bei Lombardi’s in New York eintraten, suchten wir nicht nur eine gute Pizza. Wir waren vor allem wegen seiner Geschichte gekommen.
An den Wänden entdeckten wir alte Fotografien, Bilder von Pizzaioli bei der Arbeit, Familienerinnerungen und Spuren der vielen Menschen, die durch diese Räume gegangen waren. Beim Betrachten dachte ich an die Italiener, die ihre Heimat verliessen und den Ozean überquerten. Sie nahmen wenig mit, aber zugleich etwas Grosses: ihr Handwerk, ihre Würde, ihren Willen zu arbeiten und den Geschmack von zu Hause.
Deshalb hat mich Lombardi’s besonders berührt. Auch ich bin ein Kind der italienischen Auswanderung und in der Schweiz aufgewachsen. Meine Geschichte ist natürlich eine andere, doch ich weiss, was Wurzeln bedeuten, und verstehe, was es heisst, sich fern der Heimat ein Leben aufzubauen. Ein Lokal zu betreten, das aus den Erfahrungen italienischer Auswanderer entstanden ist, und zu sehen, dass die Menschen nach mehr als einem Jahrhundert immer noch hierherkommen, geht weit über das Essen hinaus.
Ein Ort, den man in Ruhe betrachten sollte: Jede Wand erzählt etwas.
Eine Geschichte, die vor mehr als einem Jahrhundert begann
Lombardi’s bezeichnet sich als «America’s First Pizzeria» und datiert seine Gründung auf 1905. Die historische Rekonstruktion der allerersten Anfänge der amerikanischen Pizza wird noch diskutiert. Eines steht jedoch fest: Lombardi’s ist zu einer der Pizzerien geworden, die für die italienische Geschichte New Yorks stehen.
Das ursprüngliche Lokal schloss 1984. Zehn Jahre später, 1994, erweckten Gennaro «Jerry» Lombardi III und sein Jugendfreund John Brescio den Namen Lombardi’s an einem neuen Standort an der Spring Street wieder zum Leben. Das Porträt von John Brescio, das wir im Lokal fotografiert haben, zeigt also nicht einfach einen berühmten Gast: Es steht für einen Menschen, der bei der Wiedergeburt der Pizzeria eine wichtige Rolle spielte.
Diese Kontinuität hat uns nachdenklich gemacht. Die Generationen wechseln, die Stadt verändert sich und auch die Art zu essen wandelt sich. Doch eine Geschichte mit echten Wurzeln kann weiterleben.
Die Fotografien der Feuerwehrleute
Im Lokal fielen uns mehrere Bezüge zur New Yorker Feuerwehr auf. Auf dem Foto, auf dem ich am Tisch sitze, sind am Pfeiler hinter mir einige Bilder von Feuerwehrleuten zu sehen. Für Sefora und mich, die wir beide bei der Feuerwehr sind, war das kein nebensächliches Detail.
Diese Fotografien liessen uns an unsere New Yorker Kolleginnen und Kollegen denken, an ihren Alltag, an gemeinsame Mahlzeiten nach dem Dienst und vor allem an die Opfer des 11. September 2001. An jenem Tag verloren 343 Angehörige des FDNY ihr Leben. 2024 gehörte Lombardi’s zu den New Yorker Pizzerien, die eine «Wall of Honor» für die Einsatzkräfte des World Trade Centers schufen, die mit den Folgen und Erkrankungen im Zusammenhang mit dem 11. September leben.
Wir möchten diese Erinnerung nicht als Dekoration benutzen. Wir möchten einfach innehalten, uns erinnern und Respekt zeigen.
Die Pizza, die wir gegessen haben
Die Pizza war gut, schön ausgebacken und grosszügig belegt. Der Rand hatte eine schöne Struktur, und auch beim Belag wurde nicht gespart. Wir teilten uns eine Pizza mit scharfer Salami.
Ganz ehrlich: Wir gingen nicht zu Lombardi’s, weil wir dort unbedingt die beste Pizza unseres Lebens erwarteten. Wir wollten ein Stück der Geschichte der Italiener in Amerika kennenlernen. Die Pizza hat uns geschmeckt, doch der eigentliche Wert dieses Erlebnisses lag in allem, was sie umgab.
Auch eine Flasche S.Bernardo-Mineralwasser mit Kohlensäure brachte uns zum Schmunzeln: In einer der traditionsreichen Pizzerien New Yorks entdeckten wir italienisches Wasser. Ein kleines Detail, das zeigt, wie manche Verbindungen zu Italien auch auf der anderen Seite des Ozeans immer wieder auftauchen.
Mehr als eine Pizza
Lombardi’s ist nicht einfach ein Ort, an dem man sich hinsetzt, isst und wieder geht. Es ist ein Lokal, das man in Ruhe betrachten sollte: die Wände, die Fotografien, die Gesichter und die Handgriffe der Pizzaioli von damals.
Die Pizza war gut. Die Atmosphäre war lebendig und sehr typisch für New York. Was wir aber vor allem mitnehmen, ist die Geschichte: italienische Auswanderer, die in einer neuen Stadt etwas Bedeutendes aufgebaut haben, und ein Name, an den man sich nach all den Jahren noch immer erinnert.
Von Auswanderer zu Auswanderer:
Diese Geschichte ging mir nahe.
Francesco und Sefora — Le Tavole Vere del Mondo · A tutti tutti
Die Fotografien unseres Besuchs









Besuch am 7. Oktober 2026. Eindrücke von Francesco und Sefora. Historische Quellen: Lombardi’s · Untapped New York · CBS New York · FDNY.